Familienleben

Vom Gefühlschaos beim ersten Loslassen

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„Wenn ich klein bin, gib mir Wurzeln – wenn ich groß bin, gib mir Flügel.“ Dieser indische Spruch geht mir seit Tagen durch den Kopf, denn mir wird bewusst, dass sich mein kleiner langsam zu einem großen und selbstständigen Jungen entwickelt.

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In einem Monat wird mein kleiner großer Junge schon DREI Jahre alt, einen paar Tage später kommt er in den Kindergarten und ich frage mich nahezu täglich, wo die Zeit geblieben ist. Aus unserem winzigen Frühchen, dessen New-Born-Windel viel zu groß am kleinen Körper saß, hat sich in den vergangenen Jahren ein prächtiger Junge entwickelt, dessen Mund keine fünf Minuten still sein kann. Er erzählt und singt ununterbrochen von morgens bis abends, er stellt die seltsamsten und lustigsten Fragen und lernt durch seine Neugierde so unheimlich viel. Dafür liebe ich ihn.

In den vergangenen drei Jahren haben wir bis auf zwei Tage (Krankenhausaufenthalt durch die Geburt des kleinen Bruders) jeden Tag und jede mögliche Minute miteinander verbracht. Wir waren in den seltensten Fällen länger als zwei Stunden voneinander getrennt. Vielleicht lag dies auch an meinem kleinen Trauma, nachdem er viel zu früh auf die Welt kam und mir direkt nach der Geburt weggenommen und auf die Neointensiv Station gebracht wurde.

„Mama, ich gehe mit Godi auf den Jahrmarkt. Wir wollen Karussell fahren.“ Hörte ich am vergangenen Samstag eine stolze Stimme zu mir sagen. Ich überlegte kurz und lies mir die beiden Sätze des Sohnes noch einmal ganz in Ruhe durch den Kopf gehen. Ich schaute meinen Mann an, schaute den Sohn an und wieder den Mann und sagte völlig überrumpelt: „Er war doch gerade noch in meinem Bauch und nun möchte er ohne uns Eltern, ohne Mama und ohne Papa auf den Jahrmarkt gehen?“
Puh, das hatte gesessen und ich war plötzlich im völligen Gefühlschaos. Der Sohn war Feuer und Flamme und dachte nur noch an das Karussell, die Unmengen an Eis und Süßigkeiten, die er vermutlich von der Godel bekam. Ich tendierte zwischen „er ist doch noch so klein, wenn da etwas passiert und ich nicht da bin“ bis hin zu „ich muss ihn einfach mal machen lassen und ihm Flügel geben“.

Ich willigte letztendlich ein bzw. hatte der Sohn und mein Mann schon längst ohne mich entschieden, dass der Sohn den Nachmittag mit der Patentante auf dem Jahrmarkt verbringen würde.
Nach einer Mittagspause, die der Sohn letztendlich nach einer Stunde abbrach, da er so aufgeregt war, holte ihn die Patentante ab. Zum Abschied bekam ich noch schnell einen Kuss auf die Lippen gedrückt und so fuhr mein großer Sohn davon.
Da es dem kleinen Sohn an diesem Tag nicht gut ging und er ausgiebige Kuscheleinheiten benötigte, hatte ich zum Glück nicht viel Zeit zum Nachdenken und so fiel auch mir der Abschied und die Stunden ohne ihn nicht zu schwer.

Abends kam ein sehr glücklicher kleiner Mann nach Hause. Er umarmte uns und berichtete voller Stolz jede Einzelheit des Ausfluges auf den Jahrmarkt. Und genau in diesem Moment wurde mir klar, dass es ihm gut tat – dass wir ihn einfach mal vertrauen und los lassen müssen. Und letztendlich wurde mir auch klar, dass mein Baby längst kein Baby mehr ist.

In wenigen Wochen wird es für uns eine weitere große Veränderung geben, denn der große Sohn wird ein Kindergartenkind. Gerade in den letzten Wochen habe ich des öfteren gemerkt, dass es Zeit für ihn wird in den Kindergarten zu gehen. Ich weiß schon jetzt, dass ihm dieser neue Lebensabschnitt ganz im Gegenteil zu mir keine großen Probleme bereiten wird. Aber ich werde meine Gefühle so gut ich kann überspielen und ihm dabei helfen, diesen Schritt zu bewältigen. Ich lasse ihn los.

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